JANA GUNSTHEIMER

 

 

An Jana Gunstheimers Werk verblüfft zunächst die Vielfalt der bildnerischen Mittel, deren Möglichkeiten oftmals über die Grenzen der Gattungen hinweg anderen Bereichen zugute kommen. Vornan steht die Malerei auf Papier, deren dunkle Töne die gespenstischen Szenerien in weiche Valeurs tauchen.

Das Werk reicht von raumgreifenden Installationen bis hin zu fiktionalen „Rahmenhandlungen" in denen die Künstlerin aus einer Schattenwelt berichtet, die Realität suggeriert, diese jedoch nicht nachbildet. Gleichwohl sind die Arbeiten, welche stets Erzählung und Analyse gekonnt vereinen, dicht an der sozialen Wirklichkeit und zweifellos von dieser inspiriert, ohne jedoch der Gefahr einer gesellschaftspolitischen Abrechnung zu erliegen.

Ästhetische Qualität und formale wie inhaltliche Konsequenz bilden in Jana Gunstheimers Werk eine Einheit, die immer wieder auch in komplexen Verweisen der Arbeiten untereinander angelegt ist. Für ihre künstlerische Arbeit nutzt sie die Welt als Reservoir unentdeckter Möglichkeiten und spürt das Verborgene und Geheimnisvolle auf. Die Realität entpuppt sich dabei als Konglomerat labyrinthischer Räume, deren Leere so verlässlich wie trostlos ist. Jene, denen man begegnet, sind ortlos, ziellos und wahrscheinlich kriminell. Beispielhaft zeigt sich dies im "Nova Porta"-Projekt, einem beklemmenden und auch provozierenden work in progress, in dem eine postapokalyptische Scheinwelt, die einem visionären Kriminalstück gleicht, ihren Mitgliedern ein Höchstmaß an gewaltsamer Scheinfreiheit und Triebbefriedigung gewährt. Zugleich werden die vermeintlich freien Spieler zu „Personen ohne Aufgabe" - zu stets manipulierbaren Spielfiguren. Nova Porta setzte 1998 mit folgender These ein: „Die Zahl der Personen ohne Aufgabe (POA) wird in einer Gesellschaft mit vermindertem Arbeitsbedarf stark ansteigen. Dadurch kann es zu unkontrollierten Gruppenbildungen kommen. die eine Bedrohung für die übrige Bevölkerung darstellen. Es ist notwendig. eine zentrale Fundamentalanalyse des POA einzuleiten, um durch entsprechende Erziehung und Steuerung lenkend in die Gruppenbildung eingreifen zu können.“

Die „Organisation zur Bewältigung von Risiken“ bietet all jenen, die unter Arbeits- und Perspektivlosigkeit leiden, ein Netzwerk aus Ritualen, Spielen und Beschäftigungen, von denen freilich keiner zu sagen weiß, ob sich dahinter ein Ziel oder auch nur ein Sinn verbirgt. Religiöse Handlungen, ethnologische Untersuchungen und quasi wissenschaftliche Experimente - darunter allerlei Züchtungsversuche mit verschiedenen Tieren und Pflanzen - sind zu trostlos in ihrer Ziellosigkeit als das sie noch als Realsatire taugen könnten. Malend am dunklen Motiv evoziert dieses jedoch auch ein Gegenüber, eine - wenn auch vielleicht romantische - Hoffnung, die den Bildwelten Jana Gunstheimers gegenübersteht. Doch ist das keine Tragödie. vielmehr ein stets neues Welterfinden, das trotz dunkler Deutungsrahmen nicht ohne Witz ist.

In der frühen Arbeit "Stammsitz" nutzt die Künstlerin den Stammsitz der Familie Krupp, die Villa Hugel in Essen, als Handlungsort einer fiktiven Geschichte, die sich in Bildern und Texten abenteuerlich entwickelt. Angelegt in Aquarellen sehr unterschiedlicher Größe, Papierschnitten und Installationen wirkt das Geschehen - ohne das man Genaueres weiß gefährlich terroristisch. Wir werden Zeuge mysteriöser Ereignisse, finden Botschaften, bemerken Veränderungen und unsere Vorstellung übt sich in der Potenzierung der Möglichkeiten. Gleichwohl verweisen Ort und Handlung auch ohne direkte Bezugnahmen auf die Geschichte einer Familie erfolgreicher Industrieller, die zu Kriegsverbrechern wurden.

Susanne Altmann

JANA GUNSTHEIMER<br/>Genie / Untersuchungen, 2009, watercolor on different papers, 100 x 800 cm
JANA GUNSTHEIMER
Genie / Untersuchungen, 2009
Watercolor on different papers
100 x 800 cm
JANA GUNSTHEIMER<br/>Letter #1, 2012, pencil on paper, folded, 94,5 x 98 cm
JANA GUNSTHEIMER
Letter #1, 2012
Pencil on paper, folded
94,5 x 98 cm
JANA GUNSTHEIMER<br/>Letter #2, 2012, pencil on paper, folded, 99 x 72,5 cm
JANA GUNSTHEIMER
Letter #2, 2012
Pencil on paper, folded
99 x 72,5 cm