Wellmann, Marc: Raumsplitter. In: Fahnemann Projects (Hg.): Tanja Rochelmeyer, Berlin 2014

 Raumsplitter

Tanja Rochelmeyer arbeitet seit 2008 an einer Serie architektonisch gestimmter Bilder, hinter denen sie als Person fast gänzlich verschwindet. Ihre durchkonstruierten Gebilde sind in einer Maltechnik ausgeführt, die dem Zufall oder der spontanen Intuition sehr wenig Spielraum gestattet. Die Motive werden zunächst im Computer als Photoshop-Dokumente angelegt und dann durch eine Projektionstechnik auf die Leinwand übertragen. Dabei verändern sich mitunter kleinere Details oder einige Farbwerte, aber im Wesentlichen bleibt das im Computer generierte Bild in seiner gemalten Version intakt. Jede Farbfläche wird einzeln bearbeitet und durch Abkleben in ihren Umrissen fixiert. Die äußerst feinschichtige Acrylfarbe wird von Tanja Rochelmeyer in den meisten Partien monochrom aufgetragen. In einigen Fällen tauchen jedoch nuancierte Hell-Dunkel-Verläufe auf, bei denen die Künstlerin bis zu zehn Arbeitsgänge benötigt, um die zunehmend trocken verwendete Farbe mit weichen Pinseln zu verwischen. Bei diesen Partien handelt es sich gleichsam um Zitate eines illusionistischen Chiaroscuros, das die Plastizität eines Körpers suggeriert, ohne sie in der perspektivischen Gestalt des Raumes einzulösen. Aber dazu später mehr. Vordringlich ist zunächst die handwerkliche Vervollkommnung der Arbeiten, ihre formale und materielle Geschlossenheit, die sich auf der Oberfläche zur opaken, straff gespannten Haut eines gleichsam technoiden Malkörpers verdichtet.

Doch um das Wesen ihrer Bilder zu verstehen, muss man noch einen weiteren Schritt zurückgehen. „Es ist genau so in meinem Kopf,“ gab Tanja Rochelmeyer im Gespräch zu Protokoll. Der Computer ist kein gestaltendes Medium, sondern lediglich der Zwischenschritt eines hier einsetzenden handwerklichen Prozesses. Dem technischen Perfektionismus und dem scheinbaren Übergewicht des Zerebralen ihrer Arbeiten, in denen Tanja Rochelmeyers Ausbildung als Ingenieurin greifbar scheint, steht ein Moment der Bildschöpfung gegenüber, der letztlich im Körper und im Subjekt der Künstlerin verortet werden kann. Sie beschreibt die Genese ihrer Werke als intuitive, funkenhafte Schöpfung: „Plötzlich sehe ich dann das Grundgerüst des Bildes, und bis zum Ende verändert sich daran nichts mehr.“ Als Quelle der Inspiration dienen ihr Bilder von Architekturen aus Büchern oder Magazinen. Mögen perspektivische Strukturen oder auch formale Details wie Spiegelungen in Glasflächen auf das piktoriale Material zurückführbar sein, so entsteht in diesem Dialog zwischen fotografischen Vorlagen und dem leiblichen Resonanzraum der Künstlerin etwas völlig Neues, das dann zum gemalten Bild erwächst.

Tanja Rochelmeyers Bilder kann man als Visionen von Räumen bezeichnen. Enthalten sind ihnen Chiffren eines modernistischen Architekturvokabulars in Form von kantig, dynamischen Raumlinien. Der starken Flächenwirkung der monochromen Partien, die sich in vielfachen Ebenen übereinanderlegen und gegenseitig durchdringen, stehen Rudimente von perspektivischen Fluchtungen gegenüber, die optisch in die Tiefe führen. Es sind Inseln eines Illusionismus – wie die bereits beschriebenen Hell-Dunkel-Verläufe – ohne konkrete mimetische Funktion, das heißt ohne den dargestellten Raum wirklich messbar oder erfahrbar werden zu lassen. Tanja Rochelmeyer schafft in ihren Werken das labyrinthische, absurde Gefüge eines zersplitterten Raumes, der Anklänge an die Mulitperspektivität eines kubistischen Bildbegriffs in sich trägt. Doch es geht bei ihren Bildern nur bedingt um optische Fragen. Sie sind eher unter transperspektivischen  Aspekten zu greifen als Hybride zwischen dem physikalischen und dem virtuellen Raum. Ihre Arbeiten wurden überzeugend als Echo auf die ungreifbare Ausdehnung und polydimensionalen Struktur des Internets bezogen, das sich immer stärker mit unseren primären sensuellen Erfahrungen verschränkt. [1] Doch die Gegenwärtigkeit von Tanja Rochelmeyers Malerei könnte vor dem Hintergrund der Genese ihrer Arbeiten auch als somatischen Impuls beschrieben werden, den die Moderne in der künstlerischen Imagination unserer heutigen Zeit zugefügt hat.