Sven Drühl

Wie die Geschichte der Landschaftsmalerei zeigt, sind Bilder keine bloßen Reproduktionen einer äußeren Welt, sondern vielmehr Konstruktionen einer eigenen inneren oder auch kunstimmanenten Welt. In genau diesen Prozess der Konstruktion hakt Sven Drühl mit seinen Landschaftsbildern ein und nutzt ihn, um seine Bildwelten zu entwerfen. Er erschafft eigenständige ästhetische Objekte, die ihren Ursprung und ihre Konstruktion nicht leugnen. Ausgangspunkt für seine Gemälde sind bereits existierende Kunstwerke. Versatzstücke dieser Bilder werden im Close-Up-Verfahren aus den Bildern isoliert, durch Sven Drühl mit Linien aus Silikon und Flächen aus Öl, Lack und Lösungsmittel in neue Bilder übertragen und somit zum neuen und autonomen Bildgegenstand. Häufig werden diese Versatzstücke mit Details aus anderen Bildern zusammengefügt. So ist es nicht selten, dass ein Gemälde von Caspar David Friedrich auf seine Lineatur befragt wird oder einzelne Lineamente in den Arbeiten von Sven Drühl mit Elementen aus einem Gemälde von Ferdinand Hodler oder aber auch Eberhard Havekost usw. vermischt und zusammengefügt werden, um eine neues Bild zu generieren. In der Auswahl dieser „Ursprungsbilder“ lässt sich keine stilistische oder epochale Vorliebe Drühls festmachen. Die Klaviatur reicht von Landschaftsgemälden aus der Romantik über Darstellungen des Symbolismus zu Bildern seiner Zeitgenossen. Wollte man hier eine Gemeinsamkeit suchen, so wäre sie im weitesten Sinne unter einer scheinbar westeuropäischen Bildsprache zu finden. Doch spätestens mit der Aufnahme der japanischen Shin-Hanga-Werke in seine Zitatensammlung wird auch dies obsolet und um den asiatischen Bildraum erweitert

(…) Sven Drühl bezeichnet sich selbst als „Kind der 90er“, als geprägt von der Musik und Dj-Kultur, bezogen auf seine Gemälde besonders vom Sampling, Remix und Bastard Pop, eine Musikrichtung, die sich dadurch auszeichnet, ursprünglich disparate und konträre Stile zu einer harmonischen Einheit zusammenzufügen.

(…) So ist es nur logisch und konsequent, dass Sven Drühl mit seinen Werken konzeptionell in den Kern der Malerei vordringt. In den Neon-Arbeiten tritt die Linie, der Strich, die Zeichnung in den Vordergrund und verbindet sich trotz ihrer Stille mit Aspekten der Werbung. Die Gemälde der „Bastard-Serie“ spielen mit ihren grauen Silikon-Linien auf weiß grundierter Leinwand ebenfalls mit Aspekten der Zeichnung, dem Ursprung des noch unvollendeten Bildes. Die „Undead-Serie“ wiederum gestaltet sich vor dieser Folie als eindeutiger Kommentar zur monochromen Malerei der Moderne. Ganz in Schwarz gehalten, entscheidet hier der Duktus und die Linienführung über die Gegenständlichkeit, die erst durch den Lichteinfall zu Tage tritt. Die nicht monochromen Arbeiten, die den Hauptteil in Sven Drühls Werk ausmachen, spielen mit weiteren Aspekten der Malereigeschichte und vereinen nicht nur Fragen der Farbwahl, der Pinselführung und des Pinselduktus in sich. Vielmehr sind sie dadurch gekennzeichnet, dass sie sich nicht zuletzt durch den Einsatz der Lösungsmittel zur Manipulation der Lackfarbe als bewusstes Spiel mit Kalkulation und Zufall zeigen. Angeregt durch Bildwelten von Sven Drühl laufen vor dem inneren Auge des Betrachters diese diversen Bezüge zur Malereigeschichte ab, um sich letztendlich wieder in der konstruierten Landschaftsmalerei von Sven Drühl zu treffen und neue Landschaftsbilder zu generieren.

 Auszug aus Peter Kruska: „Sven Drühl – Hybride Landschaftskonstruktionen“