ENDURING BEAUTY

Es ist der Moment, der zählt. Aus ihm entspringt alles. Jegliche Wahrnehmungen, Sehnsüchte, Traumbilder und Erinnerungen. Die Schönheit des perfekten Augenblicks zu zelebrieren und fest zu halten – mit seinen Fotografien wendet Sascha Weidner sich selbst und seinem Umfeld bedingungslos zu. Sein radikal subjektiver Bilderkosmos ist der poetische Film des Lebens, in dem jede Einstellung ein Statement von lebensbejahendem Überschwang oder stiller Melancholie ist. Ob zerwühlte weiße Laken, Makroaufnahmen von geäderter Haut, seltsam umgestürzte Autos oder die zärtliche Innigkeit von Liebenden – jede Nuance des Beiläufigen ist von Belang. Zwar ist jedes Foto für sich hermetisch, doch in der Kombination entsteht eine Dramatik zwischen den einzelnen Ereignissen. Dieses visuelle Gesamtchaos zeigt, wie zerbrechlich Wirklichkeit und Wahrnehmung sind, ohne jedoch in sich zu kollabieren. Vielmehr changieren seine Bilder zwischen Leichtigkeit, Verletzlichkeit, Intimitiät und Angst, werfen essentielle Fragen menschlicher Existenz auf und stellen fragile Strukturen und Bezüge untereinander her. In dem Arrangement seiner Fotografien setzt sich Stück für Stück eine Lebensgeschichte zusammen. Eine von vielen, individuell und neu bei jedem Betrachten.

Sascha Weidner gibt einen tiefen, persönlichen Einblick in sein Leben, das von Kinderfotografien bis zu aktuellen Aufnahmen aus unterschiedlichen Kontexten reicht. Das Ausloten seines eigenen Archives ist die besondere Methode seiner künstlerischen Praxis. Er greift immer wieder neu auf seinen Bilderpool zurück, verändert die Zusammenstellung und somit auch den jeweiligen Blickwinkel. Dieses Ergänzen und Weglassen von Themen und Zeitebenen erzeugt neue Narrationen, Assoziationen und Interpretationen. Die Fotografien ordnet er in unterschiedli­chen Formaten wandfüllend zu nichtlinearen und asymetrischen Installationen an, bei denen die autonomen Elemente wie Tracks eines epischen DJ-Sets den jeweiligen Rhythmus des vorherigen Bildes aufgreifen und sich ineinander verweben. Der Sinn offenbart sich im Ganzen. Erst hier wird der Duktus des Fotografen deutlich sichtbar.

Mit seiner emotionalen Nahsicht steht Sascha Weidner in einer Linie mit Fotografen wie Nan Goldin, Wolfgang Tillmans oder Ryan McGinley - sowohl vom Motiv, als auch von der Methode her. Fotografie und Leben sind bei ihm eins, dennoch sind seine Farbbilder keine Schnappschüsse, sondern wohl komponiert. So verschwimmen die Grenzen zwischen Inszenierung und Authentizität, Pose und Natürlichkeit. Auch Lichteinfall und Schattenwurf sind bewusst gesetzt, um die oft irreale, bisweilen suggestive Atmosphäre der Wirklichkeit hervorzuheben.

Sascha Weidner, geboren 1976 in Osnabrück, studierte Fotografie, Film und Malerei sowie Kommunikationsdesign an der Hochschule für Bildende Kunst in Braunschweig. 2004 war er Meisterschüler bei Prof. Dörte Eißfeldt. Mit der Unterstützung des DAAD arbeitete er 2004 und 2006 in Los Angeles. Sein Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Kunstpreis Berlin 2010, dem Förderpreis Fotografie der NBank und dem 1. Preis des interna­tionalen Polaroidwettbewerbs. Neben zahlreichen Publikationen wurden seine Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen weltweit präsentiert, so auch in den Deichtorhallen in Hamburg, dem Foam in Amsterdam, dem Ludwig Museum in Budapest, dem Photofestival in Knokke, der Monash Gallery of Art in Melbourne und dem Museum für Photographie in Braunschweig.