untitled (Pailhes), 2015, pencil on paper, 16 x 13 cm / 45 x 40 cm
syagrus, 2015, pencil on paper, 160 x 120 cm
untitled #6, 2015, pencil on paper, 65 x 44,5 cm

Wir freuen uns, die erste Ausstellung des In Brüssel lebenden Romain Cadilhon anzukündigen.

Bei CONRADS zeigt Romain Cadilhon drei Werkgruppen mit Kohle oder Graphit auf Papier, die in ihrer Diversität  zunächst überraschen. Die Titel der Serien geben einen ersten Hinweis auf den vom Künstler intendierten Subtext.

 

Die Gruppe der “Liminals” zeigt abstrakte Hell-Dunkel-Verläufe aus Kohlenstaub auf Papier. 

Der Künstler übernimmt hier einen vom Ethnologen Victor Turner geprägten Begriff. “Liminalität” beschreibt einen Schwellenzustand, in dem sich Individuen oder Gruppen befinden, nachdem sie sich rituell von der herrschenden Sozialordnung gelöst haben. (…) Während der liminalen Phase befinden sich die Individuen in einem mehrdeutigen Zustand. Das Klassifikationssystem der (alltäglichen) Sozialstruktur wird aufgehoben. Die Individuen besitzen weder Eigenschaften ihres vorherigen Zustandes noch welche des zukünftigen. Der Titel bezieht sich auf den Enstehungsprozess der Arbeiten dieser Werkgruppe. Cadilhon erzeugt die immateriell anmutende Hell-Dunkel-Zonen, indem er immer wieder Schichten von Kohlenstaub von den Seiten her über das Blatt bläst. Daraus resultiert die Aufhellung in der Bildmitte und die Abdunklung zu den Rändern mit ihren fließenden Übergängen. Die Grautöne bewegen sich immer zwischen einem absoluten Schwarz und einem reinen Weiß. Die Anzahl der aufgeblasenen Kohleschichten bestimmt den Grad der Abdunklung. Durch den Helligkeitsverlauf löst sich Bildfläche aus seiner Zweidimensionalität und wird in eine scheinbar gewölbte dreidimensionale  Form transformiert, deren Inneres als ein schwaches Leuchten an die Oberfläche tritt. 

 

Licht und Schatten sind auch in der neuesten Serie “Drawings for a Sculpture“ Hauptakteure. Kraftvoll und zugleich nuanciert zeichnet Cadilhon mit Kohle in klassischem Chiaroscuro in wechselndem Licht und aus unterschiedlichen Perspektiven den Kopf einer jungen Frau. Allerdings hat der Künstler zuerst einen plastischen Abguss seines Modells angefertigt. Die so entstandene Skulptur überarbeitet und dann in Segmenten wie beschrieben gezeichnet. Trotz der hohen naturalistischen Ausführung scheinen Licht und Schatten das Motiv auf den großformatigen Blättern eher zu verstecken als zu zeigen. Die sich daraus ergebende Verfremdung schafft trotz größter Nähe eine Distanz zum Motiv. Abstraktion und Naturalismus sind gleichermaßen an der Bildwirkung beteiligt. 

 

Die fotorealistisch anmutenden Miniaturen der Werkgruppe “Studio” sind Momentaufnahmen seines Ateliers im Stil der niederländischen Genremalerei. Kleinste Details und Stofflichkeiten werden in den winzigen Bleistiftzeichnungen minutiös wiedergegeben. Das Licht umspielt Möbel, ausgebreitetes Arbeitsmaterial, works in progress, Pflanzen und andere Objekte. Er schafft so eine Bildwelt, die an die kunstvoll gemalten Interieurs des Barock erinnern. In der Ausstellung „Aufschlussreiche Räume - Interieur als Portrait“, Museum Morsbroich Leverkusen 2016, wurden diese Arbeiten erstmals im Museumskontext gezeigt. Fritz Emslander, der Kurator der Ausstellung, schreibt über die “Studio”-Zeichnungen (…) Vertieft man sich in diese gezeichneten Räume, in dieses Leben hinein, dann mag es einem fast so vorkommen, als kenne man den Künstler, als wüsste man, dass er zum Zeichnen leise Musik hört, zunächst die Vorhänge an den hohen Fenstern weit öffnet, um möglichst viel Tageslicht einzulassen und um dann ganz konzentriert, bedächtig und sorgfältig zu arbeiten.

Im Atelier die eigene Wahrnehmung frei von äußeren Zwängen und Einflüssen in hochkonzentrierten Arbeitsprozessen in hoch artifizielle Bilder zu fassen, enthält den Moment von Freiheit, der sich in Cadilhons Arbeiten dem Betrachter unmittelbar vermittelt.

 

“Niemals, da doch das Leben selbst sich verflüchtigt, ist so viel über Kultur, über Zivilisation geredet worden. Es herrscht eine merkwürdige Parallelität zwischen diesem verallgemeinerten Einsturz des Lebens, welcher der gegenwärtigen Demoralisierung zugrunde liegt, und einer Sorge um die Kultur, die niemals mit dem Leben übereingestimmt hat und die dazu angetan ist, das Leben zu schulmeistern.”

aus: Antonin Artaud, Das Theater und sein Double, Paris 1938