Image practicing Self-Censorship, 2015, graphite on paper, 80 x 70 cm
Image with restricted View, 2014, graphite on paper, 127,5 x 107 cm
Methods of Destruction: Portrait of Sir Thomas Godsalve John and His Son John, 2012, graphite, hot type on paper, 81 x 61 cm

An Jana Gunstheimers Werk verblüfft zunächst die Vielfalt der bildnerischen
Mittel, deren Möglichkeiten oftmals über die Grenzen der Gattungen hinweg
anderen Bereichen zugute kommen. Vornan steht die Malerei auf Papier, deren
dunkle Töne die gespenstischen Szenerien in weiche Valeurs tauchen.
Das Werk reicht von raumgreifenden Installationen bis hin zu fiktionalen
„Rahmenhandlungen" in denen die Künstlerin aus einer Schattenwelt berichtet,
die Realität suggeriert, diese jedoch nicht nachbildet. Gleichwohl sind die
Arbeiten, welche stets Erzählung und Analyse gekonnt vereinen, dicht an der
sozialen Wirklichkeit und zweifellos von dieser inspiriert, ohne jedoch der Gefahr
einer gesellschaftspolitischen Abrechnung zu erliegen.
Ästhetische Qualität und formale wie inhaltliche Konsequenz bilden in Jana
Gunstheimers Werk eine Einheit, die immer wieder auch in komplexen
Verweisen der Arbeiten untereinander angelegt ist. Für ihre künstlerische Arbeit
nutzt sie die Welt als Reservoir unentdeckter Möglichkeiten und spürt das
Verborgene und Geheimnisvolle auf. Die Realität entpuppt sich dabei als
Konglomerat labyrinthischer Räume, deren Leere so verlässlich wie trostlos ist.
Jene, denen man begegnet, sind ortlos, ziellos und wahrscheinlich kriminell.
Beispielhaft zeigt sich dies im "Nova Porta"-Projekt, einem beklemmenden und
auch provozierenden work in progress, in dem eine postapokalyptische
Scheinwelt, die einem visionären Kriminalstück gleicht, ihren Mitgliedern ein
Höchstmaß an gewaltsamer Scheinfreiheit und Triebbefriedigung gewährt.
Zugleich werden die vermeintlich freien Spieler zu „Personen ohne Aufgabe" - zu
stets manipulierbaren Spielfiguren. Nova Porta setzte 1998 mit folgender These
ein: „Die Zahl der Personen ohne Aufgabe (POA) wird in einer Gesellschaft mit
vermindertem Arbeitsbedarf stark ansteigen. Dadurch kann es zu
unkontrollierten Gruppenbildungen kommen. die eine Bedrohung fu?r die u?brige
Bevölkerung darstellen. Es ist notwendig. eine zentrale Fundamentalanalyse des
POA einzuleiten, um durch entsprechende Erziehung und Steuerung lenkend in
die Gruppenbildung eingreifen zu können.“
Die „Organisation zur Bewältigung von Risiken“ bietet all jenen, die unter Arbeitsund
Perspektivlosigkeit leiden, ein Netzwerk aus Ritualen, Spielen und
Beschäftigungen, von denen freilich keiner zu sagen weiß, ob sich dahinter ein
Ziel oder auch nur ein Sinn verbirgt. Religiöse Handlungen, ethnologische
Untersuchungen und quasi wissenschaftliche Experimente - darunter allerlei
Zu?chtungsversuche mit verschiedenen Tieren und Pflanzen - sind zu trostlos in
ihrer Ziellosigkeit als das sie noch als Realsatire taugen könnten. Malend am
dunklen Motiv evoziert dieses jedoch auch ein Gegenu?ber, eine - wenn auch
vielleicht romantische - Hoffnung, die den Bildwelten Jana Gunstheimers
gegenu?bersteht. Doch ist das keine Tragödie. vielmehr ein stets neues
Welterfinden, das trotz dunkler Deutungsrahmen nicht ohne Witz ist.
In der frühen Arbeit" Stammsitz" nutzt die Künstlerin den Stammsitz der Familie
Krupp, die Villa Hugel in Essen, als Handlungsort einer fiktiven Geschichte, die
sich in Bildern und Texten abenteuerlich entwickelt. Angelegt in Aquarellen sehr
unterschiedlicher Größe, Papierschnitten und Installationen wirkt das Geschehen
- ohne das man Genaueres weiß gefährlich terroristisch. Wir werden Zeuge
mysteriöser Ereignisse, finden Botschaften, bemerken Veränderungen und
unsere Vorstellung u?bt sich in der Potenzierung der Möglichkeiten. Gleichwohl
verweisen Ort und Handlung auch ohne direkte Bezugnahmen auf die
Geschichte einer Familie erfolgreicher Industrieller, die zu Kriegsverbrechern
wurden.
Susanne Altmann

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