Boris Mikhailov

wuchs in der ehemaligen Sowjetunion auf, er lebte und arbeitete über Jahrzehnte in seiner Heimatstadt Kharkov. Er schloss eine Ingenieurausbildung ab und wandte sich von 1966 an als Autodidakt der Fotografie zu. Mikhailov gilt heute als der bedeutendste Fotograf, der schon in den Zeiten der Sowjetunion aktiv war. Mikhailov arbeitet konzeptuell und sozialdokumentarisch.

Ende der 1960er Jahre trat Boris Mikhailov erstmalig mit Fotografien an die Öffentlichkeit. Nachdem der KGB auf von ihm gemachte Aktaufnahmen seiner Frau stieß, verlor er seinen Arbeitsplatz als Ingenieur in Charkow und konzentrierte sich auf die Fotografie. Er schuf eine Reihe von Fotoserien, in denen er den städtischen Alltag seiner unmittelbaren Umgebung auf sehr persönliche Weise dokumentiert. Eines seiner bekanntesten Werke der damaligen Zeit (1968 – 1975) ist die Rote Serie. In diesen Farbfotografien bildet Mikhailov Menschen, Personengruppen und städtische Szenen ab, die sich durch die betonte Verwendung von Rot auszeichnen. Der Farbe, die in der UdSSR für die Oktoberrevolution, die Partei und die sozialistische Gesellschaftsordnung stand. In dieser Serie entdecken viele Betrachter subversive bzw. kritische Elemente gegenüber den gesellschaftlichen Bedingungen in der damaligen Sowjetunion.

Serien wie Klebrigkeit von 1982 wiederum sind durch erläuternde Notizen gekennzeichnet, auch in anderen Serien verwendet er tagebuchartige Notizen, die den Bildreihen eine Anmutung von systematischen Alltagsbeobachtungen verleihen. Gleichfalls ungewöhnlich ist, dass Mikhailov verschiedentlich Fotografien grob koloriert, Form und Farbe nicht in jedem Falle deckungsgleich sind bzw. mit den verwendeten Farben Bilddetails besonders betont werden.

Als herausragend in der Kunst der Gegenwart gilt Mikhailovs Serie Case History . Er wendet sich in diesem Werk den menschlichen Folgen des Zusammenbruchs der Sowjetunion zu. Mikhailov fotografierte für diesen Zweck systematisch Charkower Obdachlose, deren Vertrauen er gewann. Diese rund 400 Fotografien zeigen in erschütternder Weise die Situation von Menschen, die angesichts des Zusammenbruchs der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nicht mehr auf soziale Sicherungssysteme zurückgreifen können. Die sehr direkte und oft als entblößend empfundene Herangehensweise Mikhailovs kann als direkte Kritik an den „schönen Fassaden“ der nach-sowjetischen kapitalistischen Konsumwelt verstanden werden.