Jana Gunstheimer >Heiligsprechung- Letzte Chance<

13. September bis 25. Oktober 2008

Jana Gunstheimer hat vor etwa 5 Jahren NOVA PORTA gegründet, als Organisation zur Bewältigung von Risiken. Risiken, die den gesellschaftlichen Frieden gefährden. Risiken, die von >Personen ohne Aufgabe< ausgehen oder von Dynastien der Groß- und Schwerindustrie wie in >Stammsitz<, einer Werkgruppe angesiedelt in der Villa Hügel, dem ehemaligen Sitz der Familie Krupp. >Heiligsprechung< thematisiert die Gefährdung durch religiöse Fundamentalisten am Beispiel der Staatlichen Behörde zur Kanonisation in Österreich. Ausgangsbasis sind historische Fakten am Beispiel exemplarische Fälle.

Obwohl man relativ einfach Mitglied werden kann, lässt Jana Gunstheimer uns über die Organisationstruktur von NOVA PORTA im Unklaren. Darin ähnelt NOVA PORTA Geheimbünden, deren Satzung, Zielsetzung und Mitglieder nur Eingeweihten bekannt sind.
Darüber hinaus aber ist Nova Porta eine Fiktion, die der Künstlerin gestattet, in viele Rollen zu schlüpfen und künstlerisch unterschiedliche Ebenen zu bespielen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Zeitung >Maßnahme<, die von NOVA PORTA seit 2 Jahren herausgegeben und kostenlos verteilt wird. Darin berichtet, kommentiert und illustriert Jana Gunstheimer ihre Themenkomplexe aus unterschiedlichen Perspektiven und auf jeweils angepasstem sprachlichen Niveau. Vom kritischen Kommentar bis zum Leserbrief sind die Beiträge selbst verfasst. Die Zeitungsfotos, täuschend echt, sind Reproduktionen eigener Aquarelle. Zu ihrer Ausstellung im Art Institute of Chicago im Jahr 2007 erschien eine englischsprachige Sonderausgabe der >Maßnahme<, die dem Chigago Tribune beiliegen sollte. Im letzten Moment zogen die Verantwortlichen ihr Angebot zurück, weil es im Extrablatt wie in der Ausstellung >Status L Phenomenon< um den plötzlichen und unerklärlichen Verfall eines noblen Stadtteils in Chicago ging, dokumentiert durch Zeitungsreportagen. Dabei handelte es sich jedoch um aquarellierte Zeitungsseiten, die in ihrem Erscheinungsbild die New York Times, USAtoday oder die FAZ zitierten und über die geheimnisvollen Vorgänge berichteten. Alles aquarelliert und frei erfunden und trotzdem eine Vorwegnahme der bald darauf allseits einsetzenden Diskussion um die Immobilienkrise, die die Amerikaner bis heute zutiefst verunsichert.


Es ist die Komplexität der Darstellungsebenen, die Realismus vortäuscht und Anteilnahme erzeugt. So spielt die Differenzierung der sprachlichen Ebene für das aktuelle Projekt >Heiligsprechung< eine sinnstiftende Rolle. Neben der unterschiedlichen Eloquenz und Bildung, die aus den Briefen der Antragsteller spricht und so verdeutlicht, dass keineswegs nur dumme Menschen mitmachten, vermitteln wissenschaftliche Archivierungssysteme, knapp abgefasste Erläuterungstexte und wiederum Zeitungsberichte Authentizität. Gerne persifliert Jana Gunstheimer die in der DDR (aber keineswegs nur dort) im politischen und bürokratischen Alltag gepflegte Vorliebe für Kürzel wie PoA (Personen ohne Aufgabe) oder SBK (Staatliche Behörde für Kanonisation).
Rollen scheint Jana Gunstheimer mit spielerischer Leichtigkeit zu wechseln, auch ein gewisses Vergnügen an der Erfindung ist an vielen Stellen spürbar ebenso wie schwarzer Humor, der jedoch nie in Zynismus umschlägt, und nicht zuletzt das dadaistische Spiel mit dem Absurden.

Die Irritation, die sich im konzeptuellen Ansatz aus der Verschränkung von dokumentarischem und fiktivem Material ergibt, prägt auch die bildnerischen Werke.
 Aquarelle, die bei flüchtiger Betrachtung an alte Fotografien erinnern oder mit Schwarzweißabbildung der Tagespresse zu verwechseln sind, werden in der Ausstellung von Gunstheimer im Stil einer liebevollen und antiquiert anmutenden Präsentation eines Heimatmuseums inszeniert. Mit ausführlichen Kommentaren und entsprechendem Beiwerk versehen, nimmt sie den Ausstellungsbesucher an die Hand, um ihn dann geradewegs in die Irre zu führen. Er verliert sich in einem Geflecht aus Fakten, Halbwahrheiten und Erfundenem. Objekte, Enviroments und Bilder werden zu Requisiten eines Stück Welttheaters, das allen bekannt vorkommt auch wenn das Ende offen bleibt. Dieses Gemenge aus Anekdotischem, Ideologie, Aberglaube, Tradition und Irrationalität sind der Stoff, aus dem die Arbeiten zur aktuellen Ausstellung >Heiligsprechung-letzte Chance< gemacht sind. Eine gefährliche Mischung, die, wie die Wirklichkeit vielfach gezeigt hat, sehr explosiv sein kann.

Text: Galerie Conrads 9/2008